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Aelthas val Ordens' Visionen

Teil I: Hin und wieder zurück.

Blut spritzt in Fontänen aus Deinem abgerissenen Arm. Schmerz fließt wie flüssiges Feuer Deinen linken Arm hinauf und explodiert in Deinem Brustkorb mit der Helligkeit der Mittagssonne.

Verzweifelst schlägst Du mit Deiner gepanzerten Rechten auf den Kopf des Biestes ein, das Dich mit dem Gewicht eines Mühlsteines zu Boden drückt. Das Atmen fällt Dir schwer, und die wenige Luft, die Du in Deine brennenden Lungen saugen kannst, sind von dem feuchten Gestank des Untiers verpestet.

Vor Deinen Augen schlägt Deine Faust immer wieder nach dem haarigen Haupt des Monsters. Schlägt immer wieder zu. Immer schwächer und schwächer. So wie der Schmerz in Deinem anderen Arm.

Das Pochen rückt in immer größere Ferne, verhallt in der Weite, ist nur noch als Echo hörbar.

Das Gewicht auf Dir lässt nach. Der Kopf verschwindet. Schreie, irgendwo weit entfernt – draußen in den Wäldern. Wessen Schreie? Andere Reisende? Oder Gnolle? Aber hat da nicht jemand Deinen Namen gerufen?

 

Nein...

 

Es war keine von den Stimmen in den Wäldern. Nicht dort draußen. Die Stimme kam... kam von innen. Aus Dir selbst. Irgendwo in Dir selbst, in der Dunkelheit...

 

Dunkelheit.

 

Dunkelheit.

 

Endlose Dunkelheit.

 

Endlosigkeit.

 

Vergessen.

 

Doch da ist immer noch diese Stimme.

 

AELTHAS VAL ORDEN!

 

Dieser Ruf.

 

AELTHAS VAL ORDEN!

 

Du kannst sie immer noch hören.

 

AELTHAS VAL ORDEN!

 

 

Der Rufer ist nicht weit entfernt. Er ist irgendwo über Dir. Du musst nur...

 

Trockene, staubige Erde teilt sich über Deinen Händen. Fahles, graues Licht fällt auf Dich. Alles ist verschwommen... nein... einfach nur fahl. Du erhebst Dich, siehst um Dich.

Eine endlose, graue Einöde. Vereinzelte Bäume, krumm, verdorrt, als hätte sie der Wille verlassen, in diesem Ödland leben zu wollen.

Ein grauer Schemen, der über die Ebene huscht. Ein weiterer. Noch ein weiterer.

 

AELTHAS VAL ORDEN!

 

Der Ruf lenkt Deine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung.

Ein großer Turm, gläsern, wie aus Kristall. Er leuchtet bläulich, erhebt sich hoch über die farblose Staubwüste, erhebt sich bis hoch in den grauen Himmel. Er glänzt in seinem Licht wie ein Leuchtfeuer gegen das Grau des Landes.

 

AELTHAS VAL ORDEN!

 

Reihen aus eisernen Statuen ruhen vor dem Kristallturm. Der Anblick allein vermittelt einen Eindruck von ihrem unglaublichen Gewicht. Goldene, fein verzierte, Panzerplatten liegen über schwarzem Stein.

Mit Erstaunen bemerkst Du, dass Du weißt, was die Statuen repräsentieren: die Emaruta, die Schicksalswächter. Die Dogmen der Kirche Jegals, des Totenwächters, berichten, dass die Emaruta die Palastwachen Jergals sind, dass sie den Todestag eines jeden Sterblichen, der jetzt lebt, je gelebt hat oder auch nur je leben wird, kennen.

Mythologische Wesen, die mit der Symbolik von physischer Kraft und Unbezwingbarkeit die Unausweichlichkeit des Schicksals repräsentieren sollten. Sinnbilder aus alten Gleichnissen.

 

AELTHAS VAL ORDEN!

 

Es ist die Statue, die nach Dir ruft.

 

Der Emaruta.

 

Drei lange Schlangen ziehen sich zwischen den Statuen hindurch, Schlangen aus durchscheinenden, grauen Gespenstern.

Jetzt kannst Du hören, dass auch die anderen Statuen Namen rufen.

 

Nembran Livdahl!

Alfris du Karn!

Danrana Alefarna!

Garyn Waagenbauer!

 

Die Namen hämmern wie die Schläge von tausend Schmieden über die Einöde. Und wie Motten vom Licht angezogen werden, strömen die Schemen aus der Einöde in Richtung der Statuen, schließen sich den Reihen der anderen an.

Überall dringen die rauchigen Gestalten aus dem farblosen Boden hervor wie Dampfwolken aus Teekesseln und huschen in Richtung des kristallenen Turms.

 

Du bewegst Dich in Richtung der Statue, und am Rande Deines Bewusstseins meldet sich die Erkenntnis, dass Deine Füße den Boden nicht berühren, dass Deine Beine keine Schritte beschreiben.

Weiße Zentauren bewegen sich mit klappernden Huf zwischen den Schlangen der Gespenster, mustern aus ausdruckslosen Gesichtern heraus die Scharen der grauen Schemen.

Ihr weißes Fell ist kein Fell, sondern weiß gefärbter Stahl.

An den Gelenken ist offenliegende Mechanik zu erkennen, mahlende Zahnräder, kräftige Hebel und hin- und herrasselnde Ketten. Goldene Zahnräder ragen zur Hälfte aus der Rückseite ihrer Köpfe.

 

AELTHAS VAL ORDEN!

 

Der Emaruta erhebt sich vor Dir, selbst groß wie ein Turm. Ein rötlicher Schimmer dringt durch das Visier seines goldenen Helmes und lässt jeden Zweifel verschwinden, dass die Statue tatsächlich 'lebt'.

Rot glühende Augen scheinen durch Dich hindurchzusehen, als wärest Du... Sehen durch das Gespenst, das Du selbst bist.

 

Einer der Zentauren starrt Dich ohne Ausdruck an. Sein Mund öffnet sich, mechanisch, wie aufgezogenes Spielzeug. Seine Stimme scheint den Sinn der Worte nicht zu verstehen, spricht wie ein Besessener.

 

Sein Herz ist voll Stolz, und der Stolz lässt ihn sein Herz vergessen.

Seine Worte sprechen von Loyalität, doch seine Gedanken sprechen von Selbstsucht.

Seine Taten verkleiden sich als Mut, doch ist es Furcht, die seine Taten lenkt.

Die Neun Höllen beanspruchen ihn für sich.

Der starre Blick des Emarutas wird nach der mechanischen Anklage des Zentauren noch durchdringender, als würde er die Wahrheit in Deinem Herzen lesen wollen. Lesen.

 

STERBLICHE BETEN FÜR DICH. SIE RUFEN NACH DIR. SIE BRAUCHEN DICH.

AUFGABEN LIEGEN UNERLEDIGT HINTER DIR. SIE SOLLTEN VOR DIR LIEGEN.

DEIN SCHICKSAL IST NOCH NICHT ENTSCHIEDEN. DEIN WEG IST NOCH NICHT GEGANGEN. DEINE ZEIT IST NOCH NICHT GEKOMMEN.

KEHRE ZURÜCK. SETZE FORT, WAS DU BEGONNEN. FINDE DEINEN WAHREN WEG. ENTSCHEIDE - ÜBER DEIN SCHICKSAL. KEHRE ZURÜCK, WENN DEINE ZEIT GEKOMMEN IST.

 

Die gewaltige Stimme des Emarutas hallt in der staubigen Einöde nach, lauter als alles, was Du je gehört hast.

 

Gesang schleicht sich in Deine Ohren. Von weit entfernt, doch nicht von vor Dir, nicht von hinter Dir, nicht von Deinen Seiten. Er ist einfach nur da.

Eine leise, sanfte Stimme - nicht die eines Emarutas. Heller. Klarer. Weiblicher.

Ein Klang wie das Plätschern eines Gebirgsbaches nach der Schneeschmelze, ein Geruch wie eine Blumenwiese im Frühling, eine warme Berührung wie sanfter Sommerregen, ein Anblick so vielfarbig wie Laub im Herbst.

 

Die Staubwüste um Dich herum entfernt sich, Wärme und Licht fallen auf Dein Gesicht. Weiche Hände liegen auf Deinen Wangen, und ein helles, freundliches Gesicht blickt auf Dich hinab. Ein Lächeln strahlt auf Dich wie der schönste Sonnenaufgang, den Du je gesehen hast.

 

Du bist zurückgekehrt.

 

Du weißt wieder, was es bedeutet, am Leben zu sein. Dass Du wieder am Leben bist.

Das Lächeln teilt einen Augenblick Dein Gefühl, dann lässt nach, und eine unsterbliche Traurigkeit gleitet wie ein Schatten über das Gesicht, bevor es sich von Dir wegdreht. Du siehst noch, wie eine schlanke, hellhäutige Hand grüne Kapuze über das goldene Haar zieht.